2011: Round One

| 2. 03. 2011 | Musik, Plattenteller

Welch Faux-Pas. Ein Blog lebt von regelmäßigen Einträgen und nun habe ich den Salat. Meine Musiksammlung wächst und wächst und so haben sich seit Beginn des Jahres bereits jede Menge hörenswerte Platten angesammelt, die ich euch nun etwas verspätet vorstellen möchte.

Fujiya & Miyagi | Ventriloquizzing

Eine Ode an “Karate Kid” und ihr Aufnahmegerät der damaligen Zeit, das ist der Bandname Fujiya & Miyagi. Und auch wenn sie sich grob der Kategorie “Elektronische Musik” zuordnen lassen, so grenzen sie sich doch in ihrem Sound klar von anderen im Genre ab. Dafür ist natürlich in erster Linie Sänger David Best verantwortlich. Auch auf ihrer neuen Scheibe “Ventriloquizzing” (zu deutsch: Bauchreden) manövriert er wieder gekonnt zwischen Singen und Hauchen. Leider ist auch das rollende R nicht mehr ganz so charakteristisch wie auf den Vorgängern. Nichtsdestotrotz bietet das Album die gewohnt lässige Atmosphäre mit klarer Baseline und repetitivem Chorus, wie man es von den Jungs aus Brighton gewohnt ist. Einen offizielen Trailer zum Album will ich euch übrigens nicht vorenthalten.

Anspieltipps: “Sixteen Shades Of Black & Blue”, “Ventriloquizzing”

Iron & Wine | Kiss Each Other Clean

Von der elektronischen Musik zum Folk bzw. der Singer-Songwriter-Bewegung. Und in diesem Fall nicht zu irgendwem, sondern zu Sam Beam aka Iron & Wine, der neben Conor Oberst (Bright Eyes) als führender Vertreter eben dieser Bewegung zu sehen ist. Mal davon abgesehen, dass mir das Cover seines neuen Albums aufgrund seines Stils schon außerordentlich zusagt, geben sich auf “Kiss Each Other Clean” zu allem Überfluss auch noch hervorragende Tracks die Klinke in die Hand. Dabei greift Mr. Beam übrigens neben der genretypischen Akustikgitarre auch zu diversen anderen Instrumenten, u.a. Klavier/Keyboard/Synthie, Trompete und Xylophon.

Anspieltipps: “Rabbit Will Run”, “Monkeys Uptown”

Cut Copy | Zonoscope

Zurück zum Elektro. Und diesmal nich etwa aus den Staaten oder Europa, sondern vom anderen Ende der Welt aus Australien. Und als wäre die Moderne dort noch nicht angekommen, machen die Mannen von Cut Copy um Sänger Dan Whitford Elektropop, wie man ihn sonst nur aus den 80ern kannte. Kein Wunder also, dass sich Namen wie Kraftwerk oder New Order in den Referenzen wiederfinden. Was sie uns allerdings mit der überschwemmten New Yorker Innenstadt auf ihrem Cover sagen wollen, wird zumindest mir vorerst ein Rätsel bleiben. Nach anfangs erfolgreichen Supports von Bloc Party und Franz Ferdinand auf Touren durch die USA werden sie im März jetzt nun auch erstmals als Headliner auf dem Ultra Music Festival in Miami auftreten. Wer also zu viel Geld und oder Langeweile hat oder für das Konzert in Berlin keine Karte mehr bekommen hat, nix wie los.

Anspieltipps: “Need You Now”, “Alisa”

Peter Bjorn And John | Gimme Some

Pfeifen scheint in der Musik ja eher verpöhnt zu sein. Oder wie erklärt man sich die offensichtliche Abwesenheit anders? Gut, dass es da immer ein paar Ausnahmen gibt, die sich am besten gleich noch als Ohrwurm wochenlang im Kopf festsetzen. Das beste Beispiel ist dafür ist neben “Twisted Nerve” der Song “Young Folks” von Peter Bjorn And John gewesen, welcher auf der 2006er Platte “Writer’s Block” zu finden ist. Nach einem meiner Meinung nach eher mauen Zweitwerk kehren die 3 Schweden nun mit “Gimme Some” zurück. Und wie würde man im Englischen sagen: “They deliver!” Ich hatte selten Platte wie diese, bei der alle Songs einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch das Arrangement der Tracks ist perfekt. Nachdem “Tomorrow Has To Wait” zunächst seicht in das Album führt, kommen mit dem Jungle-Beat-Song “Dig A Little Deeper” und “Second Chance” gleich die Highlights der Platte, sodass Langeweile gar nicht erst aufkommen kann. Drei Daumen hoch von mir!

Anspieltipps: “Dig A Little Deeper”, “Second Chance”

Adele | 21

Ob es später das Erinnern an die eigenen Anfänge leichter machen soll oder einen Mangel an Kreativität überdecken soll, weiß ich nicht. Aber dass Adele ihr zweites Album nun auch mit ihrem Alter brandmarkt, spricht wenigstens für Konsequenz. Und viel wichtiger ist ja der Inhalt. Und nach 2 Grammys für ihren Erstling waren die Erwartungen doch sehr hoch gesteckt. Umso schöner ist es, dass sie mit der ersten Singleauskopplung aus “21” namens “Rolling In The Deep” sogar noch übertroffen wurden. Und auch der Rest wird einer Adele gerecht. “Turning Tables” ist auf herrliche Weise emotional, ohne zu sehr in den Kitsch abzurutschen. Das liegt aber zum großen Teil an Adeles Stimme. Wie sagt man da immer so schön: Ein Timbre mit Wiedererkennungswert und kein Vibrato in allen Tonhöhen. Singen will halt gelernt sein. Und Lernen kann so manch anderer Möchtegern-Sänger von Adele noch jede Menge. Das gelungene Cover von “Lovesong” (The Cure) wird übrigens wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Anspieltipps: “Rolling In The Deep”, “I’ll Be Waiting”

Ratatat | LP4

Nun zu einem Album, dass sich unerlaubterweise reingeschmuggelt hat, denn eigentlich wurde es bereits letztes Jahr veröffentlicht und ist wie so häufig meinem Radar entgangen. Shame on me! Denn Ratatat sind ja nun wirklich schon ein Weilchen im Geschäft. Denn “LP4” ist die – wer hätte es gedacht – vierte Platte des New Yorker Duos, bestehend aus Mike und Evan. Und ihrem Sound sind sie treu geblieben. Das heißt lang gezogene, jaulende Gitarrenklänge vermischt mit feinem Synthie-Beimengungen. Als kleines Schmankerl findet sich auf dem Album tatsächlich auch mal Stimme, allerdings von einem Sample. “Drugs” beginnt z.B. mit der wohlgemerkten deutschen Phrase: “Was wird daraus, wenn der Bruno mal tot geht? Wo landen diese Sachen? Wo landen diese Instrumente? Was wird daraus?”. Amüsant, wie ich finde. Aber ein Track hat es mir im Besonderen angetan. Denn “Neckbrace” beginnt nicht nur ebenfalls mit einem Voice-Sample, sondern wird in seinem Rhythmus auch wesentlich von einem bestimmt. Das zusammen mit dem üblichen Ratatat-Sound macht beim Zuhören einfach Spaß. Weiter so, Jungs!

Anspieltipps: “Neckbrace”, “Drugs”

Cage The Elephant | Thank You Happy Birthday

Schlagen wir wieder etwas rauere Töne an. Repräsentiert durch Cage The Elephant. Die kommen aus den schönen United States of America und bescheren uns Rock mit leichtem Hang zum Punk. “Thank You Happy Birthday” ist nun ihr zweites Album, nachdem das erste durch Tracks wie “Ain’t No Rest For The Wicked” überzeugen konnte. Das zweite Album wirkt nun so, als hätten alle Beteiligten vor den Studioaufnahmen noch mal ein paar Muntermacher eingeworfen, um das Album in einer einzigen Schicht. Das ist keinesfalls abwertend gemeint. Man merkt lediglich die Energie, die in jedem Song steckt. Allerdings wirken die Protagonisten auch teilweise etwas neben der Spur, wie bei wirrem Gestammel z.B. in “Indy Kidz“. Ist aber mal was Neues. Ob das dr Fanbase des ersten Albums gefällt, sei dahin gestellt. Mein persönliches Highlight ist aber “Sabertooth Tiger“. Das klingt für mich nach einem verschollenen Killradio-Song und erhält deshalb das Prädikat “besonders wertvoll”.

Anspieltipps: “Sabertooth Tiger”, “Indy Kidz”

Deerhof | Deerhof vs. Evil

Mit dem experimentellen Rock ist das schon so eine Sache. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. So dürfte es sich auch für Deerhoof‘s neue Platte “Deerhoof vs. Evil” verhalten, denn die probieren fleißig immer wieder neue Sachen aus. Die Melodiestrukturen und Instrumente wechseln quasi mit jedem Song. Da klingt “Almost Everyone, Almost Always” noch nach einem Flaming Lips-Tribute und im nächsten Moment ist man mit “No One Asked To Dance” fast bei einem reinrassigen Folk-Stück angekommen. Aber mal ehrlich: Konzeptalben sind schließlich auch was für Langweiler. Und man muss der Truppe um Satomi und Greg immerhin anrechnen, dass sie in keinem Genre, dass sie im Verlaufe des Albums ankratzen einen schlechten Eindruck hinterlassen. Abgerundet wird das Hörerlebnis durch den unüberhörbaren japanischen Akzent von Satomi. So cute.

Anspieltipps: “The Merry Barracks”, “I Did Crimes For You”

Marc-Uwe Kling & Die Gesellschaft | Marc-Uwe Kling & Die Gesellschaft

Lassen wir dem Spaß doch auch mal seinen Auftritt. Personifiziert in diesem Fall durch einen Herren mit dem klangvollen Namen Marc-Uwe Kling. Wer sich jetzt denkt “Das kann noch nur irgend so ein Kleinkünstler sein.”, hat damit natürlich völlig recht. Na gut, vielleicht nicht irgendeiner, denn auf eine gewisse Popularität kann er sich ja inzwischen schon berufen. Als Botschafter der Poetry Slams, auf denen ich ihm als Zuschauer/-hörer ja in Potsdam regelmäßig über den Weg laufe, war er immerhin schon bei Stefan Raab zu Gast. Außerdem hat man ihm beim Radio Fritz eine Rubrik spendiert, in der er jede Woche “Neues vom Känguruh” erzählt, mit dem er, zumindest fiktiv, zusammenwohnt. Im Laufe der Jahre haben sich bei dem Hobby-Gitarrenvirtuosen natürlich auch etliche Songs angesammelt, die hier und da auf Poetry Slams, aber auch gerne mal im Fernsehen zum Besten gegeben wurden. Einigen dieser Titel kam nun die Ehre zu Teil, mit Band aka Die Gesellschaft eingespielt zu werden. Das ergibt ein Album mit fast 50 Minuten Entertainment und der typischen apathischen Spritzigkeit eines Marc-Uwe Kling.

Anspieltipps: “La La La Langweilig”, “Hörsprechgarnitur”

Yuck | Yuck

Und der Phönix entsteigt der Asche und ward so schön wie man ihn vorher noch nie gesehen hatt’. Das ist zumindest erst einmal eine grobe Beschreibung für Yuck. Denn Yuck besteht nich unwesentlich aus ehemaligen Mitgliedern der offenbar aufgelösten Cajun Dance Party, die mein Wissenschaftler-Herz mit Songs wie “Amylase” höher schlagen ließ. Aber man kann Max Bloom (Gitarre) und Danny Blumberg (Vocals) ihre Entscheidung nicht übel nehmen, zumindest wenn man erst einmal in Yuck reingehört hat. Denn mit dem neuen Bandnamen kam auch der neue Sound. Denn den Indie Rock haben sie zugunsten eines herrlich schrammeligen Lo-Fi/Shoegaze-Spekatakels ad acta gelegt. Hier und da schmuggeln sich auch mal ein paar sanftere Töne dazwischen wie bei z.B. “Shook Down“, für das auch Danny’s jüngere Schwester ein paar Vocals beisteuert. Am kommenden Freitag kann ich mich ja dann auch mal von der Live-Performance der Truppe überzeugen.

Anspieltipps: “Get Away”, “Holing Out”

Starfucker | Reptilians

Sich aus der Masse an in der letzten Zeit veröffentlichten Electro-Platten abzuheben, ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Eine Ausnahme ist da Starfucker, ein Quartett aus Portland, die im Grunde genommen auch nur mit Wasser kochen. Aber die Songs bleiben nach dem Hören zum Glück hängen. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich “Millions” in den letzten Wochen gehört habe. Ein weiteres Schmankerl sind übrigens die im Album ab und zu auftauchenden Voice-Samples, ähnlich denen bei Ratatat. So wird am Ende von “Mystery Cloud” z.B. darüber philosophiert wie gut eine Kontemplation über den Tod der Kreativität auf die Sprünge hilft. Ich frage mich immer, wo man solche Samples überhaupt herbekommt bzw. ob sie denn tatsächlich einen konkreten Bezug zum Album haben. Nehmen wir es einfach mal an.

Anspietipps: “Millions”, “Bury Us Alive”

Lia Ices | Grown Unknown

Wir machen einen kurzen Abstecher zu den Singer-Songwritern, genauer gesagt zu den weiblichen. Dorthin, wo die gute Florence seit der Veröffentlichung ihres Albums thront. Doch mit Lia Ices hat sie jetzt mal wieder eine Konkurrentin mehr zu fürchten. Denn die hat Anfang des Jahres ihr Debütalbum “Grown Unknown” veröffentlicht. Und darauf geht es so traurig zu, wie man es derzeit aufkeiner anderen Singer-Songwriter-Platte findet. Untermalt wird das Ganze durch Lias virtuoses Klavierspiel und die an dramatisch passenden Songstellen einsetzenden Chöre, die Lia aber zu keiner Zeit in den Schatten zu stellen vermögen. Highlight der Platte ist zweifelsohne “Daphne“, das zu Beginn nicht viel mehr als Stimme, Cello und Gitarre braucht, um den Song voranzutreiben. Hier und da mal ein Rhythmuswechsel und passende Guest Vocals von Justin Vernon. Fazit: Eine runde, aber mit neun Tracks eine viel zu kurze Platte.

Anspieltipps: “Daphne”, “Lilac”

James Blake | James Blake

Kommen wir nun zu einem echten Revoluzzer. Zumindest musikalisch gesehen. Denn James Blake hat sich dem experimentellen Electro verschrieben und hat mit seinem selbstbetitelten Debüt ein Album veröffentlicht, dass die Kritiker aufhorchen ließ. Und damit meine ich nicht etwa irrelevante Bewertungen wie jene im Feuilleton der FAZ sondern eine “9.0” in keinem geringeren Magazin als pitchfork. Und das schafft wahrlich nicht jeder. Aber wer Genres wie Dubstep, Downtempo und Soul so mühelos zusammenschmieden kann wie der ’89 geborene Brite, hat das vermutlich verdient. Auch bei seiner Interpretation von Leslie Feists “Limit To Your Love” kann man nur staunen. Wüsste man es nicht besser, hätte es auch aus seiner Feder stammen können. Zumal er nicht mehr als ein Klavier und seine Stimme braucht, um die Message rüberzubringen. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und prophezeie diesem Jungspund eine rosige Zukunft, wenn er weiterhin so kreativ bleibt.

Anspieltipps: “Limit To Your Love”, “The Wilhelm Scream”

Rafter | Quiet Storm

Das Beste kommt zum Schluss, wie es immer so schön heißt. Auch für diesen Beitrag handhabe ich das so. Und über diesen Zufallsfund bin ich doch ziemlich glücklich gewesen. Wer einmal die Zeit hatte, in die Debütplatte der Sleigh Bells aus dem letzten Jahr reingehört hat, den dürstet es sicher nach mehr nach diesem, nennen wir es mal No-Fi-Kram. Dieser Sound, wenn man nicht weiß, ob die Trommelfelle noch dicht halten oder schon längst über den Jordan gegangen sind. Nunja, eben dieses akustische Erlebnis vermag einem auch Rafter mit der Platte “Quiet Storm” zu bescheren. Den Song “Innocence, In A Sense” hätten die Sleigh Bells z.B. eben so gut unter ihrem Namen veröffentlichen können. Wer also für extremen Lo-Fi zu begeistern ist, möge sich diese Scheibe auf Bandcamp o.ä. besorgen.

Anspieltipps: “Nothing Here Worth Stealing”, “Convenience Or Death”

Damit schließe ich  die erste Bestandsaufnahme für dieses Jahr. Ich hoffe doch, es war für jeden etwas dabei.

MfG Ern