Festplatten 2012: Die Indie-Ausgabe
// 26. 12. 2012 // Keine Kommentare » // Musik, Plattenteller
Ja, es ist wieder diese Zeit des Jahres angebrochen, da die Menschen ihrem Schubladendenken in vollen Zügen nachgehen können. Aber gerade in der Musik ist dies am Ende des Jahres auch einfach nötig, um den Radar neuzukalibrieren und kurz und knapp ein Listener’s Digest des Status Quo serviert zu bekommen. Ich für meinen Teil werde mich auf die Indie-Fraktion beschränken, während Franz euch sicherlich in Sachen Metal und Prog Rock auf dem Laufenden hält.
In Ausarbeitung der Liste ist mir auch noch einmal aufgefallen, was ich eh schon im Gefühl hatte: 2012 war ein gutes Musik und die Auswahl der Top 10 viel daher sichtlich schwer, erstaunlicherweise jedoch nicht die Belegung des ersten Platzes. Aber alles der Reihenfolge nach:
alt-J | An Awesome Wave
Manche Leute muss man zu ihrem Glück zwingen. Auch ich höre gelgentlich dazu, wenn es um musikalische Belange geht. Ein gutes Beispiel dafür sind alt-J, die zu Beginn des Jahres noch als Δ (alt-J ist die entsprechende Tastenkombination zur Erzeugung dieses Symbols auf dem Mac) in meinem Newsfeed aufgetaucht sind. Bei all der Reizüberflutung konnte mich ein kurzer Einspieler damals nich fesseln und für mich war An Awesome Wave kurzerhand ad acta gelegt. Bis zum Erscheinen der Indie Rock Playlist: Juni 2012. Mittlerweile ohnehin meine Hauptquelle für musikalische Neuentdeckungen, war darauf eben auch “Breezeblocks” von alt-J wiederzufinden, dass sich beharrlich in meinem Ohr festsetzte. So kam ich auch nicht umher, das Album der 4 Jungs aus Leeds nochmal anzuwerfen. Und siehe da, ich war hin und weg. Zumal das Album herrlich unkonventionell und vielseitig ist, was es sichtlich erschwert, Vergleiche mit Zeitgenossen anzustellen. Live sind sie im Übrigen ebenfalls zu empfehlen, was sicherlich auch einer der Gründe ist, dass sie den diesjährigen Mercury Music Prize abstauben konnten.
Anspieltipps: “Taro”, “Fitzpleasure”
Cloud Nothings | Attack On Memory
Nun ein Beweis, dass auch relativ früh im Jahre erschiene Alben es schaffen können, in der Jahresbestliste aufzutauchen. Dylan Baldis Ein-Mann-Projekt Cloud Nothings hatte ich nämlich im Januar bereits angesprochen und empfohlen. Was zeichnet seine Musik aus? Im Grunde genommen Songs in bester Garage/Self-Made-Manier. Das beinhaltet Gitarrengeschrammel, Vocals kurz vor der Stimmband-OP und die obligatorische “Antitüde”, wie ich sie gerne nenne. Sprich eine rebellische, teils pessimistische Haltung, die sich sowohl in den Songs als auch schon in der Wahl der Songtitel niederschlägt.
Anspieltipps: “Wasted Days”, “Stay Useless”
Beach House | Bloom
Einen klareren Cut könnte man von den Cloud Nothings zu Beach House gar nicht machen. Denn man verlässt die aufgewühlten Gefilde des LoFi-Rocks und betritt die ausgeglichenen Sphären des Dream Pops. Gitarren und Drums wandern in den Hintergrund, im Gegenzug darf sich dafür der Synthesizer ordentlich austoben. Mit ihrem diesen Jahres erschienenen Album Bloom haben sie meiner Meinung nach die Messlatte für den Dream Pop höher gelegt. Dabei geht es weniger um die technischen Raffinessen, die Alex und Victoria ihren Werken spendiert haben, denn vielmehr um die Wirkung, die Songs wie “Myth” auf den Hörer auszuüben vermögen.
Anspieltipps: “New Year”, “Myth”
Django Django | Django Django
Wie auch schon die LP der Cloud Nothings erschien das selbstbetitelte Debüt des englischen Experimental-Quartetts Django Django relativ früh im Verlaufe dieses Jahres und hat es dennoch in diese Liste geschafft. Auf dem Album warten sie mit halligen Vocals in stimmigen Harmonien auf, die mal ganz im Sinne des Folk Rocks gitarrenlastig begleitet werden( “Hail Bop”), im nächsten Song hingegen toben sie sich am Synthesizer aus, um ein orientalisch angehauchtes Instrumental zu kreieren (“Skies Over Cairo”). Glücklicherweise sind die Kompositionen jederzeit stimmig und nie übertrieben. Mit diesem eigensinnigen Mix haben sie es sogar schon in den Fokus des noch eigensinnigeren Modezaren Karl Lagerfeld geschafft, der die Jungs aus Dalston in einem Interview mit Markus Lanz als momentane Lieblingsband offenbarte. Warum auch nicht?
Anspieltipps: “Default”, “Skies Over Cairo”
Mystery Jets | Radlands
Es folgt der vermutlich letzte Zugang zu dieser illüstren Top Ten- Aufstellung. Wenn ich an die Mystery Jets denke, fällt mir in erster Linie der zauberhafte 2008er Sommersong “Young Love” mit freundlicher Unterstützung von Laura Marling ein. Daraufhin das etwas enttäuschende Album Serotonin und nun also wieder ein neues Album. Wie auch schon bei alt-J ein absoluter Grower für mich. Ein halbes Jahr hat es gedauert, doch dann machte es Klick und mittlerweile ist Radlands, wie sie ihren Longplayer getauft haben, eine der Britpop/Folk-Releases dieses Jahres für mich. Das Erfolgsrezept? Eine ausgewogene Mischung aus ruhigen, sehnsüchtigen Songs und poppigen Chansons mit starken Refrains und besonders gelungene Bridges. Und das alles mit einer gehörigen Prise Retro, die sie irgendwo in die 70er zurückkatapultiert.
Anspieltipps: “Radlands”, “Someone Purer”
Peter Peter | Une version améliorée de la tristesse
Seien wir ehrlich: 90% der veröffentlichten Songs im Independent-Bereich bedienen sich der (massenkompatiblen) englischen Sprache. Das ist meiner Ansicht nach ein trauriger Umstand, zumal viele Länder über eine vorzeigbare Anzahl lokaler Acts in Landessprache verfügen – Deutschland inbegriffen. Aber es soll hier nicht ums uns gehen, sondern um unsere frankophonen Freunde aus Übersee in Québec (Tipp: Nicht in einem Atemzug mit Kanada zu nennen). Wie viele gute Acts aus Montréal kommen, habe ich bereits angesprochen. Über die eingangs erwähnte Indie Rock Playlist stolperte ich auch über den jungen auteur-compositeur-interprète (frz. Entsprechung des Singer-Songwriter) Peter Peter. Damals hatte er gerade sein selbstbetiteltes Debütalbum herausgebracht und mit der bezaubernden Coeur De Pirate die Single “Tergiverse” aufgenommen. Dieses Jahr folgte also sein Zweitling Une version améliorée de la tristesse. Der Titel lässt die Wehmut und die übliche Melancholie des Albums bereits etwas vermuten. Untermalt werden die Songs von gemächlichen Synth-Einschüben oder vereinzelt nur mit Gitarrenbegleitung (“Rien ne se perd, rien ne se crée”).
Anspieltipps: “Tous prends son sens dans le miroir”, “Une version ameliorée de la tristesse”
Purity Ring | Shrines
Oft weiß ich nach einer Weile einfach nicht mehr wie ich eigentlich zu einem Künstler gekommen bin. Das ist bei dem Duo Purity Ring anders. Ich war auf einer belanglosen Suche auf YouTube und fand mich plötzlich im “sexy Teil” des Videoportals wieder. Der Trick ist altbekannt. Man nehme sich einen Audiotrack, lege das Foto einer ansprechenden Dame in knapper Bekleidung dahinter und stelle dieses Video online. So geschehen auch bei Lofticries. Ich war hin und weg von den Chillwave-Arrangements und wenig später kam dann auch das dazugehörige Debüt Shrines heraus und stellte die Experimentierfreude von Megan und Corin weiter unter Beweis. Unnötig zu erwähnen, dass die Songs auch live ein großer Genuss im Berliner Berghain waren.
Anspieltipps: “Lofticries”, “Obedear”
The Revivalists | City Of Sound
Ich mutiere zum Softie, zugegeben. Wo einst Bands wie SOAD und QOTSA aus meinen Boxen schallten, schlängeln sich nun die tanzbaren Hymnen der Synthie-Popszene ihre Wege zu meinen Ohren. So wurde es auch mal wieder Zeit für eine standesgemäße Rockplatte in dieser Auflistung. Glücklicherweise haben The Revivalists mit City Of Sound eben diese herausgebracht, die ich uneingeschränlt weiterempfehlen kann. Das Kollektiv um Sänger David Shaw aus New Orleans macht soulgeladene Rockballaden (“When I’m Able”) ebenso wie energiegeladene Nummern wie z.B. “Criminal”, die einen spätestens beim Refrain aus dem Sessel reißen. Dass trotz so einer rundum gelungenen Platte bisher nur etwa 4000 Hörer zu den “Wiedererweckern” gefunden haben, ist allerdings eine Tatsache, die sich in Zukunft ändert.
Anspieltipps: “Criminal”, “Pretty Photograph”
Shearwater | Animal Joy
Wenn eine Band mir nicht von der Indie Rock Playlist empfohlen wurde, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich sie über den Radiosender meiner Wahl gefunden habe. KEXP ist ansässig in Seattle und lässt Möchtegern-Alterntivmusiksender wie RadioEins oder FluxFM alt aussehen. Nicht nur schaffen sie es, ein umwerfendes Programm quer durch die weltweite Indie-Szene zusammenzustellen, nein, sie stellen auch Videos der In-Studio-/Festival-Performances von Künstlern online, so auch das ehemals als Okkervil River-Nebenprojekt Shearwater. Diese liefern mit Animal Joy eine durch und durch gelungene Folk Rockplatte nach meinem Gusto ab. Kennzeichnend sind Vocals von Sänger Jonathan Meiberg, der sanfte Parts wie in “Dread Sovereign” gefühlvoll rüberbringt, sich aber auch ohne Probleme hochschaukeln kann wie in den Endzügen von “You As You Were”. Nenneswert sind auch die stimmigen Harmonien mit seinen Bandkollegen sowohl in Vers als auch Chorus, die dem ganzen eigentlich eine seichte Pop-Attitüde à la Snow Patrol verleihen, die sich jedoch glücklicherweise noch nicht rumgesprochen hat.
Anspieltipps: “You As You Were”, “Believing Makes It Easy”
Grimes | Visions
Ich bin kein Freund von Ranglisten, wenn es um die Bewertung von Musik geht. Hierfür fehlt es mir einfach an objektiven Vergleichspunkten, die ein Album “wertvoller” als ein anderes machen sollten. Daher ist auch diese Top Ten bewusst ungeordnet gehalten. Würde man mich allerdings zwingen, ein Ranking zu erstellen, würde es mir immerhin in diesem Jahr leicht fallen, die Nummer 1 besetzen. Da kommt also die 23jährige Wahl-Montréalaise Claire Boucher mit dem prägnanten Bühnennamen Grimes daher und veröffentlicht mit Visions ein Album, das all ihre Kollegen alt aussehen lässt. Irgendwo zwischen Dream Pop, Hip-Hop und den Synthie Poppern der 80ern liefert sie einfach eine Platte ab, die man getrost als zeitloses Gesamtkunstwerk bezeichnen darf. Dafür sehe ich sogar über ein abschreckendes Cover hinweg. Und erinnere mich gerne an einen gelungenen London-Trip Anfang des Jahres.
Anspieltipps: “Be A Body”, “Oblivion”
Erwähnenswerte Alben
- Bat For Lashes – The Haunted Man
- Fibes, Oh Fibes! – Album
- First Aid Kit – The Lion’s Roar
- Friends – Manifest!
- Lemolo – Kaleidoscope
- Ramona Falls – Prophet
- The Soft Moon – Zeros
- Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra – Theatre Is Evil
- Summer Heart – About A Feeling
- Twin Shadow – Confess
- Yeasayer – Fragrant World
- Yellow Ostrich – Stange Land
- Hospitality – Hospitality
- Clock Opera – Ways To Forget
- Kat Frankie – Please Don’t Give Me What I Want
- Altmodisch – Watches Fall Asleep
Beste EPs
- HAIM – Forever EP
- Labyrinth Ear – Apparitions EP
- San Cisco – Awkward EP
- Matt Corby – Made Of Stone EP
- Mister Lies & Different Sleep – Mass EP
Beste Tracks
- Grimes – Be A Body
- alt-J – Taro
- Dan Croll – From Nowhere
- Matt Corby – Brother
- Purity Ring – Lofticries
Sounds of 2013
- Dan Croll
- HAIM
- Kate Boy
Hoffen wir auf ein ebenso ergiebiges Musikjahr 2013. Ich wünsche allen Lesern noch eine beschauliche Zeit zwischen den Jahren und einen guten Rutsch in eben das neue.
MfG Ern






















