2010: A (Metal) Retrospective
// 28. 12. 2010 // Keine Kommentare » // Musik, Plattenteller
Parallel zu meinem geschätzten “Kollegen” Ern (dessen Zusammenstellung wohl noch etwas auf sich warten lässt) werde ich die Gelegenheit nutzen, das Musik-Jahr 2010 aus meiner Sicht zu beurteilen. Im Folgenden nun also meine “Top 10″ (keine Rangliste, einfach die 10 Alben, die mir persönlich am besten gefallen haben) und 5 weitere Empfehlungen, die durchaus hörenswert sind. Da das bald endende Jahr musikalisch durchaus einiges zu bieten hatte, wäre es ein Leichtes gewesen, mehr als 15 Platten auszuwählen. Damit der Eintrag aber einigermaßen übersichtlich bleibt, soll das gewählte Maß reichen. Man wird zudem feststellen, dass meine Liste durchaus unterschiedliche Facetten des Metal-Genres enthält, es ist also für (fast) jeden Geschmack etwas dabei.
Alben des Jahres
As I Lay Dying – The Powerless Rise
Ich hatte im Vorfeld zugegebener Maßen sehr hohe Erwartungen an As I Lay Dyings neuestes Werk. Wenn man mit derartigen Ansprüchen an ein Album herangeht, ist die Gefahr enttäuscht zu werden natürlich relativ groß. Umso schöner ist es jedoch, wenn die hochgesteckten Erwartungen sogar noch übertroffen werden. Und As I Lay Dying haben sie übertroffen! 11 energiegeladene Tracks, großartige Songstruktur, ein perfektes Zusammenspiel von Musik und Gesang, kurzum: ein grandioses Album. Und auch live wissen die 5 Amerikaner absolut zu überzeugen, wie ich ja erst am 15. November feststellen durfte.
Whitechapel – A New Era Of Corruption
Bei dieser Platte, die man wohl dem Deathcore zuordnen würde, ist meiner Ansicht nach so ziemlich alles gelungen, was dem doch häufig auf der Stelle tretenden Genre seine Impulse verleiht. Der raue Gitarrensound, die typischen tiefen Growls von Sänger Phil Bozeman und das punktgenaue Drumming werden hier in großartiger Weise miteinander kombiniert. Dass die Band dabei den Fokus mehr auf Death Metal als auf “Core” legt, kommt dem Album ebenfalls sehr zu Gute: Es werden auf sich ständig wiederholende Breakdowns verzichtet und den Songs mehr Möglichkeit geboten sich auch richtig zu entfalten. Also: “A New Era Of Corruption” ist eines der besten Deathcore-Alben des Jahres, aus meiner Sicht die (neue) Genre-Referenz.
Called To Arms – Peril And The Patient
Die erste von vielen Neuentdeckungen meinerseits dieses Jahr ist die Truppe aus New Jersey. Called To Arms haben einen sehr speziellen Sound, die Musik zeichnet sich durch ständige Rhythmuswechsel, überraschende Gitarrensoli und rauen Gesang aus. Das Album ist nicht nur wegen des deutlich hörbaren musikalischen Könnens interessant, sondern reizt gerade durch die Überraschungen, die einem jeder Song auch beim 10. Durchlauf noch bietet. Es mag vielleicht der Verdacht aufkommen, dass die Tracks gelegentlich wie zufällig zusammengewürfelte Klangcollagen klingen könnten. Ich versichere aber an dieser Stelle: das ist absolut nicht der Fall! Die Songs sind in sich stimmig und überzeugen auch in ihrer Zusammenstellung auf dem Album. Kurzum: Für mich ist “Peril And The Patient” eines der interessantesten und überraschendsten Alben des Jahres. Unbedingt mal reinhören.
Within The Ruins – Invade
Within The Ruins ist eine Band aus Massachusetts. Diese Tatsache ist nicht besonders spektakulär, aber wir reden ja hier von Musik. Und in diesem Gebiet beweisen die 5 Jungs, dass sie ihr Handwerk absolut verstehen. Auf “Invade” bekommt man einen sehr guten Eindruck davon, wie gut sie ihre Instrumente beherrschen. Das Album ist zwar relativ technisch (d.h. die eben erwähnten spielerischen Fähigkeiten werden entsprechend betont), dennoch achtet Within The Ruins darauf, dass es nicht an nötiger Härte mangelt. Diese beiden Elemente wechseln sich im Laufe der Platte kontinuierlich ab und lassen dem Hörer ordentlich die Ohren flattern.
The Browning – The Browning
Ich bin ein Freund von Experimenten. Natürlich wäre es von Vorteil, wenn diese auch gelingen, besonders in musikalischer Hinsicht, sonst läuft man Gefahr große Schmerzen in irgendeinem Körperteil zu empfinden. Im Fall von The Browning glückt das Experiment erfreulicherweise. Worum es geht? Die Kombination von schweren Gitarrenriffs mit Elektro-Beats, die genausogut in irgendeinem Rave-Nachtclub gespielt werden könnten. Zugegeben: dieses Experiment wurde schon einige Male durchgeführt, mit unterschiedlichen Ergebnissen. The Browning sind aber bislang in dieser Hinsicht eindeutig die Krone der Schöpfung. Und wer mir nicht glaubt, der sollte einfach mal reinhören und sich eines Besseren belehren lassen! (auch wenn leider kein Widget verfügbar war…)
My Epic – Yet
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich hin und wieder mit großem Genuss ein wenig Progressive höre. Alle andern wissen das nun auch. My Epic haben mit “Yet” meinen diesjährigen Favoriten in diesem Bereich veröffentlicht. Musikalisch wirklich bezaubernd schwingt sich das Werk auf sanften Flügeln durch die Gehörgänge. Es erscheint einem wie eine große Reise, die man am liebsten nicht unterbrechen möchte. Die sanfte Stimme von Sänger Aaron tut ihr Übriges und man kann regelrecht in der Musik versinken. Sollte man jedoch nicht besonders religiös bzw. ein wenig aufgeschlossen gegenüber religiösen Themen sein, so wird man teilweise einen Brechreiz anhand der Texte verspüren. Davon aber abgesehen, kann sich das Zweitwerk des Trios durchaus sehen und vor allem hören lassen.
Chiodos – Illuminaudio
Und weiter gehts mit dem ersten Vertreter des Post-Hardcore Genres in meiner Liste. Ich muss zugeben, dass ich vor “Illuminaudio” noch nichts von Chiodos gehört hatte, was aber scheinbar nicht weiter schlimm ist (wie ich einigen Recherchen entnehmen konnte). Mit dem aktuellen Werk gibt es einen neuen Sänger, häufig ein schlechtes Zeichen für eine Band. Nicht so in diesem Fall. Brandon Bolmer beweist, dass er hervorragend singen kann, aber auch die gelegentlich eingesetzten Screams beherrscht. Musikalisch hat mich das Ganze auch sehr begeistert: Schlagzeug, Gitarren und die ab und an auftauchenden Klavierklänge vermischen sich in unterschiedlichster Weise zu einem großartigen Sound. Die Songs sind dabei äußerst abwechslungsreich und machen einfach Spaß beim Zuhören. Dem Album sollte man unbedingt eine Chance geben.
Affiance – No Secret Revealed
Und da ist gleich der zweite Streich aus der Post-Hardcore Ecke. Um es gleich vorweg zu nehmen: “No Secret Revealed” ist sensationell gut. Ich erlebe ein äußerst seltenes Phänomen mit diesem Album. Wenn man eine Platte jeden Tag hört, dann ist es normalerweise schnell soweit, dass man sich das Ganze überhört, d.h. die Musik packt einen einfach nicht mehr so wie am Anfang und man legt die Scheibe irgendwann komplett zur Seite. Doch Affiance hat etwas geschaffen, das diesem Trend entgegenwirkt. Seit etlichen Tagen höre ich die Platte rauf und runter und es bleibt so hörenswert wie am ersten Tag. Was macht das Album nun so gut? Die Songs sind einfach großartig geschrieben, der Sound fantastisch… und der Gesang ist atemberaubend. Man muss sich zwar erstmal an die Stimme von Sänger Dennis Tvrdik gewöhnen, aber dann wird man einfach umgehauen vom seinem unglaublichen Stimmvolumen. Auch textlich weiß Affiance zu überzeugen, indem politisch und geschichtlich motivierte Themen verhandelt werden. Wenn mal wieder jemand in seiner Ignoranz sagt, dass alle Metalbands nur rumschreien, dann sollte man ihm einfach “No Secret Revealed” ins Gesicht klatschen und ihm zeigen, dass harte Musik auch mit klarem Gesang funktioniert!
God Falls – Make Me Alpha
Ein weiteres Debütalbum in meiner Liste (siehe u.a. The Browning und Affiance) kommt von God Falls aus Montreal. Der Sound dieser Formation hat etwas Fesselndes und lässt sich keinem spezifischen Subgenre zuordnen. Die Bandbreite der enthaltenen Elemente ist beeindruckend groß: Metalcore, Hardcore, Deathcore, aber auch Melodic Death Metal im skandinavischen Stil lassen sich heraushören. Ein weiteres Merkmal der Gruppe sind die Vocals. Die Screams und Growls von Sänger Gabriel Dezb klingen wie eine rauere Version so mancher schwedischer MeloDeath Bands (Soilwork, In Flames). Die “Besonderheit” sind aber die zwar sparsam, aber immer auf den Punkt passend eingesetzten Clean Vocals von Gitaristin Gabrielle La Rue. Man hört nicht allzu oft weibliche Stimmen im Metal (und wenn, dann klingen diese meist unpassend oder nach Operngejaule). Hier jedoch verleiht ihre sanfte Stimme den Songs merklich mehr Tiefe und deutet gleichzeitig eine ganz eigene Richtung an, in die sich die Musik entwickelt. Also: Ein wirklich außerordentlich gut gelungenes Erstlingswerk, dass viel Positives für die nächsten Veröffentlichungen andeutet.
Eye Of The Enemy – Weight of Redemption
Wenn ich ein Album benennen müsste, dass mir dieses Jahr am besten gefallen hat, dann würde ich wahrscheinlich die erste Platte von Eye Of The Enemy wählen. Die Australier legen mit “Weight of Redemption” ein Brett hin, das seinesgleichen sucht. Der Sound ist bombastisch: wuchtige Riffs, großartige Melodielinien und variantenreiche Vocals lassen den Hörer auf Metalwolke 666 schweben. Wie bereits angedeutet beweisen Eye Of The Enemy, dass sie nicht nur den Vorschlaghammer schwingen können, sondern auch in den melodiöseren Passagen eine gute Figur machen. Man fühlt sich als würde man einer besonders guten Mischung aus Lamb Of God, Bleed The Sky und Fear Factory lauschen. Einfach nur grandios!
Weitere Empfehlungen
Heaven Shall Burn – Invictus
Das sechste Studioalbum von Deutschlands bekanntester Metalcoreband glänzt durch Altbewährtes. Wuchtige Riffs und donnernde Schlagzeugblasts stampfen über den Hörer hinweg, Marcus Bischoffs markante Screams tun ihr Übriges. Auch textlich ist das Album wieder hochinteressant. “Invictus” lässt zwar Innovation vermissen, weiß aber immer noch, wie man es richtig krachen lässt.
Parkway Drive – Deep Blue
Die Australier zeigen auf ihrem dritten Album, dass sie sich stetig weiterentwickelt haben. Der Sound auf “Deep Blue” ist ziemlich speziell, die Band schreckt nicht vor Variation zurück. Die Songs zeugen von Kreativität und musikalischem Können, sei es nun durch eingängige Melodien oder groovende Beats. “Deep Blue” lässt auch in Sachen Härte keine Fragen offen, sodass ich nur empfehlen kann, der Scheibe eine Chance zu geben.
MSWhite – Squares
Und noch etwas Metalcore! Der Fünfer aus Turin hat ein zwar kurzes, aber nichtsdestotrotz stimmiges Album abgeliefert. Ein Intro und 11 Songs zeigen, dass die Italiener ihr Handwerk und vor allem ihr Genre verstehen. Mitreißende Riffs, Breakdowns und melodiöse Refrains (inkl. klarem Gesang) bilden die bekannte Grundlage. Sie erfinden das Rad nicht neu, wie man so schön sagt, beweisen aber, dass sie genau wissen, wie man heutzutage noch ein gutes Metalcore-Album zustande bringt.
More Than A Thousand – Vol. 4 Make Friends and Enemies
More Than A Thousand kommen aus Portugal und spielen einen sehr fesselnden Mix aus Hardrock, Metal und angrenzenden Stilrichtungen. Die teilweise sehr eingängigen Songs erinnern an eine bunte Mischung aus Rise Against, Slipknot und Unearth. Wer hin und wieder gern mal eine Platte hört, die an einigen Stellen durchaus radiotauglich genannt werden kann, sollte in “Make Friends and Enemies” unbedingt mal reinhören! Alle anderen sollten das übrigens auch.
I The Breather – These Are My Sins
Beim Hören von “These Are My Sins” fühlt man sich unweigerlich an August Burns Red erinnert. Es gibt keine Clean Vocals und die Intensität mit der ein Song nach dem anderen über den Hörer hinwegdonnert ist atemberaubend. I The Breather liefern mit ihrem Debüt eines der energiegeladensten Alben des Jahres ab. Man höre und lasse den Nacken krachen.

Anfangen möchte ich mit dem 5. Studioalbum der 4 Mannen aus Masssachusetts. “Wormwood” ist vermutlich das agressivste Album des Jahres. Sänger Vincent Bennett zeigt eindrucksvoll wie angepisst er eigentlich von allem und jedem ist. Das Werk als brutal zu bezeichnen ist vermutlich untertrieben, allerdings gehen einem irgendwann die Adjektive in dieser Richtung aus. Festzuhalten bleibt: “Wormwood” ist eine Herausforderung für den Hörer, vor allem wenn es darum geht, das Ganze in einem Rutsch durchzuhören. Musikalisch geht die Post ab, dennoch hätte ich mir ein etwas durchdachteres Songwriting gewünscht. Trotzdem: Wer also mal so richtig Frust ablassen will, sollte sich “Wormwood” als Soundtrack besorgen (aber dennoch aufpassen, dass sonst niemand zu schaden kommt).
Cincinnati, Ohio wird nicht nur “Königin des Westens” genannt, die Stadt ist auch Heimat der Metalcore-Recken von Corpus Christi. Und diese zeigen mit ihrem zweiten Album “A Feast For Crows” wie gutes Songwriting auszusehen hat. Der Großteil der Tracks überzeugt durch den gelungenen Mix von harten Riffs und äußerst eingängigen Melodielinien. Auch der für das Genre typische Wechsel von Shouts und klarem Gesang kommt nicht zu kurz, wobei die gesungenen Vocals von Gitarrist Jarrod Christman durchaus gewöhnungsbedürftig sind und etwas an Kraft vermissen lassen. Die Texte sind entgegen der Erwartung keine christlichen Predigten, sondern überzeugen durch gesellschaftskritische sowie persönliche Thematiken. Ein starkes Album, das mit seinen energiegeladenen Songs absolut empfehlenswert ist.
Bands, die sich dem Deathcore zurechnen, wandern auf einem schmalen Grad. Entweder man schafft den Balanceakt und driftet weder zu sehr Richtung Death Metal noch zum Metalcore oder man stürzt in den Abgrund an dessen Ende ein großer Haufen gescheiterter Gruppen warten. Glücklicherweise gelingt Impending Doom mit ihrem dritten Album die Überquerung dieses Schlunds. “There Will Be Violence” zeichnet sich durch die nötige Brutalität aus, ohne dabei zu stark Richtung The Acacia Strain abzudriften (siehe oben). Die Zusammenarbeit mit Lambesis Studios kommt der Band dabei sehr entgegen. Besonders die Vocals von Sänger Brook Reeves erinnern an den Frontmann von As I Lay Dying, was aber in jeglicher Hinsicht positiv zu bewerten ist. Fans der härteren Gangart sollten der Scheibe unbedingt eine Chance geben.








