2010: A Retrospective
// 29. 12. 2010 // 2 Kommentare » // Musik, Plattenteller
Ob ihr es glaubt oder nicht, aber Silvester naht. Da heißt es wie jedes Jahr zu diesem Anlass, die Medienbibliothek noch einmal nach den Juwelen der kontemporären Musik zu durchforsten und sie im richtigen Licht zu präsentieren. Herausgekommen sind 10 Must-Listen-Platten und 5 empfehlenswerte Scheiben o’ ten. Ich verzichte übrigens bewusst auf ein Ranking. Bei der Vielzahl der nachfolgend vertretenen Genres kann man einfach keine gemeinsame Messlatte ansetzen.
The Acorn | No Ghost
Auch wenn ich in so ziemlich jedes Genre einmal reingehört habe und mich auch für viele zumindest ansatzweise begeistern kann, gibt es doch trotzdem einige Vertreter, die ich bisher aus Erfahrung gemieden habe. Dazu zählt auch Folk im weiteren Sinne. Klar gibt es hier auch Überschneidungen zum Singer-Songwritertum, aber oft fehlte es mir an dem gewissen Etwas. Umso angenehmer überrascht war von den Kanadiern von The Acorn, die mit “No Ghost” eine Folk-Platte abgeliefert haben, bei der ich rundum mal nichts zu meckern hatte. Erstklassige Instrumentalwahl, eingängige Melodien und allem voran die Stimme von Frontmann Rolf Klausener, die jede noch so kleine Emotion transportieren kann.
The Bridgeheads | Foreigners
Weiter mit den Bridgeheads. Diese fallen in vielerlei Hinsicht positiv auf. Zum Einen dadurch, dass sie ihr diesjähriges Album “Foreigners” kostenlos zum Download angeboten haben. Zum anderen durch ihre Herkunft. Sicherlich gibt es in jedem Land großartige Interpreten, aber der Großteil kommt im Indie-Bereich eben doch von der Insel oder aus Übersee. Die Bridgeheads räumen mit diesem Vorurteil auf und zeigen, dass gute Musik auch aus der Slowakei kommen kann. Bei all dem Lob bleibt allerdings ein sehr bitterer Wermutstropfen. Denn im September diesen Jahres verstarb Mastermind und Sänger des Projekts Tomas dAsK mit gerade einmal 25 Jahren bei einem Unfall. Wie es um die Zukunft der Band bestellt ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, aber so ein Album wie “Foreigners” wird es somit wohl leider kein zweites Mal geben.
Darwin Deez | Darwin Deez
Eines fällt mir jedes Jahr aufs Neue auf, wenn ich die Jahresbestlisten der einschlägigen Musikmagazine wie laut.de oder pitchfork durchblättere. Der Trend geht jedes Jahr auf neue zu experimentellen Platten, wohingegen tanzbares Material (ob seiner Popularität?) fast immer außen vor gelassen wird. Und so will wenigstens ich mich gegen den Strom stellen und das gar vorzügliche selbstbetitelte Debüt der New Yorker Formation um Darwin Deez vorstellen. Getreu dem Motto “Indie has never been nerdier” heizen uns die 4 mit tanzbaren Dauerohrwürmern wie “Radar Detector” und “Bad Day” auf der einen Seite und melancholischen Herzschmerz-Songs wie “Bed Space” auf der anderen Seite ein. Unvergessen bleiben mir vor allem die Live-Choreografien während ihrer Konzerte. Die Karte für den März hab ich natürlich schon so gut wie gekauft.
Foals | Total Life Forever
Wer erinnert sich nicht an die grandiose Debüt-LP “Antidotes” der Foals? Weil ihre akkurate Spielweise bis dato einzigartig war, hat man ihnen natürlich gleich den neuen Stempel des “Math Rock” aufgedrückt. Und nun, 2 Jahre danach, beehren sie uns mit dem Nachfolger “Total Life Forever. Die große Frage war natürlich: Erwartet uns ein “Antidotes 2″ oder gehen die Jungs aus Oxford neue Wege? Glücklicherweise schlagen sie neue, ruhigere Töne an und sichern sich trotzdem einen festen Platz in der diesjährigen Toplist. Nicht unwesentlich hat dazu die Tatsache beigetragen, dass sie mit “Spanish Sahara” gleich noch meinen persönlichen Song des Jahres beisteuern. In Kombination mit dem Video ein Genuss für Auge und Ohr.
The Hundred In The Hands | The Hundred In The Hands
Durch ein äußerst positives Review auf laut.de bin ich auf The Hundred In The Hands aufmerksam geworden. Nach ein wenig Recherche hatte es mir vor allem die Live-Version ihres Songs “Lovesick (Once Again)” bei Le Hiboo angetan. Und auch der Rest des Albums ist feinster Electropop, immer an der Grenze zum Tanzbaren. Dabei finden sich auch einige musikalische Referenzen. Gerade der Refrain von “Last City” hat mich doch sehr an die Blood Red Shoes erinnert. Was keinesfalls negativ gemeint ist. Ansonsten ist den beiden für die Zukunft nur zu wünschen, dass sie sich treu bleiben, dann klappt es vielleicht mit dem großen Durchbruch.
Man Eats Bear | Let’s All Lie Together
Von zarten Stimmchen zur ganzen Pracht des Lo-Fi. Man Eats Bear haben gerade einmal 139 Hörer auf lastfm und dennoch hat es mir diese Kapelle aus Sioux City, Iowa angetan. Ihre Platte “Let’s All Lie Together” haben sie komplett in Eigenregie aufgenommen. Wer braucht heute schon noch einen Labelvertrag? Das Problem sind an dieser Stelle die weiteren Informationen. Auf ihrer myspace-Seite erfährt man lediglich noch, dass die vier Matt, Steve, Will und Drew heißen. Das Beste wird also sein, ihr macht euch einfach selber mal ein Bild davon, ob euch der rustikale Sound zusagt oder nicht.
The Soft Moon | The Soft Moon
Neben meiner neu erlangten Toleranz gegenüber Folk-Platten habe ich mich dieses Jahr auch mit dem lieben Post-Punk auseinander gesetzt. Und zwar in Form von The Soft Moon. Dazu einfach mal eine Trackbeschreibung des Pig Feeder Magazine,, damit ihr wisst was euch musiklaisch erwartet: “Listening to “Phantoms” is like swimming in an abyss accompanied by perverted robotic whales from outer-space, peer pressuring you to take hallucenogenics.“. Klar soweit? Find ich persönlich sehr passend! Und das gute ist, dass man das ALbum wirklich als Gesamtwerk durchhören kann, ohne auch nur einmal gelangweilt zu sein.
Weekend | Sports
Wie bleiben beim Post-Punk, heben die Grundstimmung aber ein wenig von dem düsteren Ambiente von The Soft Moon an, womit wir bei Weekend rauskommen. Unter Vertrag sind die Jungs aus San Francisco bei Slumberland, seinerseits auch Label von “The Pains Of Being Pure At Heart”. Und dieser Vergleich passt vom Sound auch ganz gut. Unser aller Freunde bei Pitchfork beschreiben das bei ihrem Review zum Track End Times sehr passend: ““End Times” (from their forthcoming record Sports) takes an addictive bassline and melancholy vocals and buries them under a din of squall and thrashing drums. The harmonies encased in reverb and the oscillating, distorted no-wave guitars take a jump off the cliff and begin to soar during the chorus, bringing the two extremes the band works under to angelic heights.” Dem ist nichts hinzuzufügen, hört mal rein.
Woven Hand | The Threshingfloor
Entsprechend meiner angehenden Versöhnung mit dem Folk, hat es auch eine weitere Platte in die Top Ten geschafft. Die Rede ist von Woven Hand mit seinem diesjährigen Album “The Threshingfloor”. Hinter Woven Hand verbirgt sich Sänger David Eugene Edwards, der einigen evtl. als Sänger der Band 16 Horsepower bekannt sein dürfte. Die Musik hat für mich etwas Mystisches, was irgendwo in der Nähe von indianischen Gesängen angesiedelt ist. Und dieses Spirituelle verleiht der ganzen Platte eine ganz eigene Glaubhaftigkeit. Sehr hörenswert ist meiner Meinung nach “His Rest“.
Das waren wie versprochen die Must-Haves der Saison. Alles in allem kann man da doch von einer bunten Mischung für jeden Anlass sprechen. Nun noch ein paar Scheiben, die entweder keiner Promotion mehr bedürfen oder bei denen einfach das gewisse Quäntchen zum akustischen Dauerbrenner gefehlt hat. Nichtsdestotrotz ist die aurale Einnahme ohne Einschränkungen zu empfehlen.
Broken Bells | Broken Bells
Was er anpackt, gelingt. So zeigt es zumindest die Vergangenheit von Brian Burton, eher als DJ Danger Mouse bekannt. Als Produzent hat er für Größen wie die Gorillaz oder die Black Keys am Mischpult gesessen aber auch als Interpret hat er sich als Hälfte von Gnarls Barkley neben Cee-Lo Green in die Charts eingebracht. Die diesjährige Kollaboration mit Dem Shins-Frontmann James Mercer brachte uns nun eine solide Pop-Platte mit eingängigen Refrains. Umso sehnlicher wünscht man sich an dieser Stelle natürlich mal wieder eine Platte der Shins, aber das kann wohl nur Herr Mercer selbst in die Wege leiten.
Earl Greyhound | Suspicious Package
Weiter geht’s mit einem ganz anderen Genre, dem Classic Rock Revival, seines Zeichens vertreten durch das Trio Earl Greyhound. Dabei stehen sie in schönem Kontrast zum Rest der Liste. Während man als junge Band heutzutage ohne einen Funken Innovation niemanden mehr begeistern kann, finde ich es auch schön, sich wie Earl Greyhound auf Altbewährtes zurückzugreifen. Wer also einfach mal Lust auf saftige Bässe, klare Drumlines und Gitarrensoli wie in den guten alten Zeiten (als würde ich Jungspund das beurteilen können) hat, der sollte bei ihrem Album “Suspicious Package” zugreifen.
Fang Island | Fang Island
Wovon sprachen wir eben? Von der nötigen Innovation, die eine Band mitbringen muss, um zu überzeugen. Die haben Fang Island mit ihrem gleichnamigen Debüt unter Beweis gestellt. Allein das Cover ist für mich schon unter den besten dieses Jahres zu nennen. Aber hier geht es ja um die Musik. Wo 4 Gitarren zusammenkommen (Bass, Keyboard und Schlagzeug natürlich extra), da müssen satte Sounds entstehen. Und um die geht es bei Fang Island auch. Keine Wortlawinen, kein sentimentales Drumherum, pure music also. Ihre Musik beschreiben sie übrigens selber als “Everybody high-fiving everyone”. Stimmt!
Robyn | Body Talk
Abrupter Genrewechsel wie so häufig. Und hier werden wir royal. Denn zumindest meiner Meinung nach ist Robyn die Königin des Dance Pops. Durch sie wird Electro salonfähig gemacht und das ist gut so. In diesem Jahr hat sie mit Body Talk ein Album in drei Einzelteilen auf den Markt gebracht. Und ob es nun eine gebetsmühlenartige Textpassagenwiederholung über 4 Minuten, eine grandiose Akustikversion mit ebenso grandiosen Vocals oder eingängige Singles wie Dancing On My Own sind, Robyn macht einfach nichts falsch. Chapeau, madame.
Winter Gloves | All Red
Achja, Kanada. Ein Land fast so groß wie Europa mit fast unberührter, weitläufiger Natur. Und dann noch dieser Clash of Cultures zwischen Frankophonen und Anglophonen im schönen Québec. Und mittendrin die musikalische Ideenschmiede Montréal, die schon Größen wie Arcade Fire oder We Are Wolves hervorgebracht hat und offenbar auch einige Bandnamen inspiriert hat (ja, Kevin Barnes weiß schon). Und ständig gibt es neue gute Bands, so auch Winter Gloves, die dieses Jahr mit “All Red” ihren Nachfolger zur 2008er Debüt-LP “About A Girl” herausgebracht haben. In jedem Fall tanzbare Electro-Pop-Songs mit Ohrwurmcharakter, was von den Kritikern bisher aber anscheinend noch nicht erkannt wurde. Who cares? Reinhören schadet nicht.
So, damit schließe ich die Inventur für das Jahr 2010. Wie immer schaue ich mit einem weinenden und lachenden Auge zurück. Weinend, ob der großartigen (teilweise letzten) Platten von super Bands. Lachend in freudiger Erwartung der kommenden Alben, z.B. der Strokes, Fujiya & Miyagi, Fleet Foxes, The Duke Spirit, Lykke Li uvm. Aber seid euch sicher, dass ich auch dann wieder das Beste vorstellen werde. In diesem Sinne einen guten Rutsch euch allen und bis nächstes Jahr!
MfG Ern























