// 22. 03. 2011 // Keine Kommentare » // Musik, Plattenteller
Die Musik schläft nie. Und so wundert es auch niemanden, dass sich trotz noch nicht allzu langer Zeit seit dem letzten Review, okay, seit geraumer Zeit, wieder herrliche Platten angefunden haben, die es wiederum verdienen, marktschreierisch angepriesen zu werden. Diesmal mit erstaunlich viel nationalem Material. Thumbs up!
Wye Oak | Civilian

Heimatverbundenheit ist doch etwas Schönes. Und weil das so ist, haben sich Jenn Wasner und Andy Stack kurzerhand gedacht, ihre 2006 ursprünglich als Monarch gegründete Kombo in Wye Oak umzubennen. Denn der Wye Oak war bis zu seiner Zerstörung im Jahre 2002 “der” Baum des Staates Maryland, mit immerhin stolzen 10 Metern Umfang. Auf ihrer neuen Platte “Civilian” manövrieren sie gekonnt zwischen Folk Rock und Dream Pop umher. Und erweisen sich dabei als echte Multitalente, gerade was die Instrumente betrifft. So bedient Andy gleichzeitig Drums und Keyboard, achja… singen muss er nebenbei auch noch. Hut Ab! Jenn sing natürlich die meisten Parts der Songs und hat eine Stimme zum Dahinschmelzen, ein wenig wie Elizabeth Powell von Land Of Talk. Das wird gerade bei dem herausragenden Titeltrack “Civilian” deutlich.
Anspieltipps: “Civilian”, “The Alter”
The Joy Formidable | The Big Roar

Begeben wir uns über den großen Teich zu unseren Friendos, die derzeit “very amused” sein dürften. Denn mit The Joy Formidable haben die Briten mal wieder eine hervorragende Band parat, die mit “The Big Roar” auch noch ihr LP-Debüt feiern können. Ritzy Bryan und Rhydian Dafydd kommen, wie es der Name schon vermuten lässt, aus dem schönen Wales – zumindest ursprünglich. Nachdem Ritzy zwischenzeitlich in Washington DC verweilte und Rhydian es sich in Manchester bequem gemacht hatte, brachte das Schicksal die beiden doch wieder zusammen und gemeinsam mit Drummer Matt Thomas startete die Dreier-Truppe von nunan ihre Machenschaften in London. Herausgekommen ist eine feine Popplatte mit Anlehnungen an die Yeah Yeah Yeahs und Blood Red Shoes.
Anspieltipps: “Austere”, “Whirring”
Bibio | Mind Bokeh

Wikipedia sagt: “In photography, bokeh is the blur, or the aesthetic quality of the blur, in out-of-focus areas of an image.” Mind Bokeh bezeichnet also gewissermaßen eine gedankliche Unschärfe. Und die merkt man dem Album von Experimentalist Stephen Wilkinson aus Großbritannien aka Bibio auch an. Keinesfalls im schlechten natürlich. Denn der Mann weiß was er tut, er hat immerhin “sonic arts” an der Middlesex Uni in London studiert. “Mind Bokeh” ist nun schon sein sechstes Album innerhalb von 6 Jahren. Und was der Begriff bokeh schon vermuten lässt, manifestiert sich dann auch akustisch auf dem Album. Die Vielfalt haut einen schier vom Hocker: Von Naturgeräuschen (“Excuses”) über die dominierenden Folktronica-Töne bis hin zu gestandenen Rock-Tracks (“Take Off Your Shirt”) ist alles vertreten. Prisen von Hip Hop (“Anything New”), orientalischen Samples (“Wake Up!”) und sogar reinrassigem Funk (“Light Sleep”) sind auch nicht zu überhören. Gäbe es einen Vielseitigkeitsaward, Bibio hätte ihn sowas von in der Tasche.
Anspieltipps: “Take Off Your Shirt”, “Light Sleep”
The Strokes | Angles
Wer hätte es gedacht, dass sie sich doch noch einmal zusammen raufen? Über 5 Jahre sind seit Veröffentlichung des letzten Albums der Väter des Indie Rocks vergangen und nicht wenige erklärten das Projekt in der Zwischenzeit für tot oder hatten sich einfach mit dem Open End abgefunden. Doch nach mehr oder minder erfolgreichen (Solo-)Projekten von Fabrizio Moretti (Little Joy), Albert Hammond, Jr. und Frontmann Julian Casablancas schienen sie sich endlich auf das zurückzubesinnen, was sie am besten können: Zusammen in einer Band spielen. Als Ergebnis dessen ist das neue Album “Angles” zu sehen. Und als wäre der Name Programm, gewährt die Scheibe eine musikalische Einsicht aus mehreren Blickwinkeln. Während sie mit Songs wie der Vorabsingle “Under Cover Of Darkness” oder “Gratisfaction” Erinnerungen an die Indie Rock-Meilensteine von “Is This It?” aufkommen lassen, schaffen sie es andererseits, mit Leichtigkeit in den bis dato unerforschten Gewässern des Pops (“Machu Picchu”, “Two Kinds Of Happiness”) rumzutreiben. Aber ohne schwermütige Songs kommt Herr Casablancas eben auch nicht aus. Allen Fans des Depri-Garanten “On The Other Side” sind die Tracks “You’re So Right” und “Metabolism” zu empfehlen. Alles in allem eine solide Platte, die zeigt, dass die Herren es noch drauf haben. Hoffen wir also, dass die Chemie weiterhin stimmt und uns von nunan in kürzerem Abstand Alben erwarten.
Anspieltipps: “Machu Picchu”, “You’re So Right”
The Kills | Blood Pressures
“Was ist eigentlich deine Lieblingsband?” ist eine Frage, die man häufig gestellt bekommt und auf die man meistens ausweichend antworten muss. Getreu dem Motto “Jede Band hat so ihre Finessen.”. Müsste ich mich aber tatsächlich auf eine festlegen, wären das wohl die Kills. Das Frisch-aus-der-Garage-Feeling gepaart mit den Stimmen von Jamie “Hotel” Hince und Alison “VV” Mosshart ist einfach ein Traum. Da kann man es ihnen auch nicht übel nehmen, dass sie sich mit dem letzten Album “Midnight Boom” wieder ein Stück mehr weg von ihren Blues/Lo-Fi-Wurzeln bewegt haben. Und auch wenn man VV in den letzten Jahren wenigstens als Sängerin der Supergroup The Dead Weather zusammen mit Jack White erleben konnte, konnte das doch die Freude auf ein neues Album zusammen mit Jamie nur geringfügig aufwiegen. Der persönliche Umgang von Jamie hätte das Projekt “Blood Pressures” übrigens im wahrsten Sinne des Wortes beinahe ins Wasser fallen lassen. Denn seine Partnerin ist keine geringere als die kapriziöse Pudernase Kate Moss, die seinen Laptop mitsamt neuem Songmaterial nach einem Streit mal eben in den Pool verfrachtet hatte. Unschön, Miss Moss! Nun ist es aber da, das neue Album. Und ich muss gestehen, dass es für mich zwei/drei Spins mehr gebraucht hat, um zu zünden. Ausgenommen davon ist die Singleauskopplung “Satellite” (ein beliebter Songtitel in letzter Zeit). Darauf schleppen sich schrammelige Riffs und Drums mit den Gesängen von VV und Jamie über die Strophen, um mit einem großartigen Chorus gekrönt zu werden. Das obligatorische Gitarrensolo ist natürlich auch mit von der Partie. Aber mit “The Last Goodbye” ist wie auch schon mit “Black Balloon” eine wunderschöne Ballade mit dabei, die nicht viel mehr braucht als VVs Stimme und ein bisschen Klavier- und Streicherbegleitung. Eine Band, auf die Verlass ist. So muss das sein!
Anspieltipps: “Satellite”, “DNA”, “You Don’t Own The Road”
Moritz Krämer | Wir Können Nix Dafür

Widmen wir uns nach all diesen internationalen Veröffentlichungen doch endlich mal denen auf nationaler Ebene. Und dort im Speziellen der Singer-Songwriter-Fraktion. Seitdem sich Gisbert zu Knyphausen den unanfechtbaren Thron in dieser Kategorie erobert hat und ihn wohl auch nicht so schnell wieder abgeben wird, versuchen andere dennoch, ihm diese Position streitig zu machen. Mit dabei ist auch der sympathische Wahlberliner und gebürtige Schweizer Moritz Krämer, der nun sein Debüt “Wir Können Nix Dafür” auf den Markt gebracht hat. Als Freund und regelmäßiger (Web-)Zuschauer von TVnoir, einer hochkarätigen deutschen monatlichen Singer-Songwriter-Bühne ist er mir damals mit seinem Song “Der Kleine Spatz” aufgefallen, der von einem suizidgefährdeten Spatz handelt, den Moritz kurzerhand aufpeppelt und mit in den Urlaub nimmt. Mit der beschwingten Melancholie dieses Titels sind auch die anderen Titel auf dem Album belegt. Aber wie sollte man Stories über Exfreundinnen und den Tod auch besser verpacken.
Anspieltipps: “Der Kleine Spatz”, “Nichts Getan”
Bosse | Wartesaal

Mit Bosse verbindet mich die Erinnerung an eines meiner ersten Konzerte im Jahr 2005. Damals spielten Mando Diao in der Columbiahalle und hatten sich Bosse und die New Yorker von Diamond Nights, deren Abwesenheit ich hier wieder schmerzlich feststelle, als Vorbands herangeholt. Grandioses Konzert seinerzeit und von Bosse ist mir noch der energische Track “Kraft” in Erinnerung geblieben. Aber auch die Braunschweiger um Frontmann und Namensgeber Axel Bosse sind älter und erwachsener geworden und so liefern sie mit “Wartesaal” ein reifes Gesamtwerk ab. Schöne Texte über die Schwierigkeiten in Beziehungen, untermalt mit dezenter Instrumentalbegleitung (Klavier, Gitarre, Streicher) und dazu die zutiefst aufrichtige Stimme von Axel. Einen Tipp an all jene, die über einen Kauf des Albums nachdenken. Holt euch die Variante mit den akustischen Versionen! Nochmal ein Tick besser als die Studioversionen, grandios.
Anspieltipps: “Frankfurt Oder”, “Metropole (Akustisch)”
Mirrors | Lights And Offerings

Nach all dem ruhigen und akustischen Material wieder ein bisschen mehr Elektronik und Beats. Und wenn ich den nun folgenden Record “Lights And Offerings” der Mirrors mit in eine Zeitmaschine mitnehmen würde, um sie sodann in den 80ern abzuspielen, frage ich mich, ob dort irgendjemand ahnt, dass es sich tatsächlich um Zukunftsmusik handelt. Denn hat man den Retro-Sound so weit perfektioniert, dass niemand mehr den Unterschied raushört. Und es scheint zu gefallen, nicht umsonst sind Bands wie Hurts momentan so erfolgreich bzw. Veteranen wie OMD wieder dick im Geschäft. Und wenn man sich eben ab und zu für ein wenig Synthpop begeistert, dann sind die vier Jungs aus Brighton eben genau die richtige Wahl.
Anspieltipps: “Hide And Seek”, “Secrets”
Does It Offend You, Yeah? | Don’t Say We Didn’t Warn You

Weniger wie Einheitsbrei, noch wie irgend etwas, das man sonst schon mal gehört hat, klingen Does It Offend You, Yeah?. Originalität haben sie wie man sehen kann, nicht nur beim individuellen Dance-Punk-Sound, sondern auch bei der Wahl des Bandnamens bewiesen. Mit “Don’t Say We Didn’t Warn You” kommt nun ihr Zweitwerk in die Läden und so viel sei gesagt: Das Hören macht verdammt viel Spaß. Wer bei dem Akustik-Intro zu “We Are The Dead” denkt, er könne die Boxen noch ein bisschen aufdrehen, wird diese Entscheidung bereuen sobald der Beat einsetzt. Überhaupt gibt es auf dem Album nur die beiden Extrema laut und leise, dazwischen nur ab und zu mal fließende Übergänge. Live sollen die 5 Jungs aus Reading ja der absolute Hammer sein, Frontsänger James Rushent hat zum Beispiel auch ein gebrochenes Bein nicht davon abgehalten noch eine Zugabe für die Fans zu spielen. Das ist Spirit!
Anspieltipps: “We Are The Dead”, “The Monkeys Are Coming”
Dadajugend Polyform | Louis De Marsalle

Angefangen hat alles im kleinen Städtchen Kulmbach, wo sich das Dreiergespann Enno, Holger und Lena am heimischen Computer erste Tracks ausdachte. Erstmals auf sich aufmerksam machten Dadajugend Polyform, wie sie sich fortan nannten im Jahre 2009, als sie auf dem angesehenen Hamburger Label Audiolith (Frittenbude, Ira Atari etc.) eine Remix-EP rausbrachten. Nun haben sie ihr erstes eigenes Werk mit dem Titel “Louis De Marsalle” herausgebracht. Zur Erklärung des Albumtitels: “Benannt ist die LP nach dem expressionistischen Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) bzw. seinem Pseudonym „Louis de Marsalle“, unter dem er -in festem Glauben, dass trotz hoher Anerkennung seine Kunst in der Presse nicht genug Aufmerksamkeit fände- kurzerhand selbst Kritiken und Aufsätze zu seinen eigenen Werken schrieb“. Weißte bescheid. Die Songs sind grob dem Electro-Punk zuzuordnen, mit stimmlichen Ähnlichkeiten zu !!! (Chk Chk Chk) und den B-52s.
Anspieltipps: “Chronicle”, “Legacy”
Ghost Of Tom Joad | Black Musik

Die Münsteraner sind zurück. Auch wenn man bei der Verwendung eines Bruce Springsteen-Titels als Bandname eine Rocktruppe erwartet, wird man von den Post-Punkern nicht enttäuscht werden. “Black Musik” ist mittlerweile ihr Drittwerk und ja, ich habe mich beim Albumtitel tatsächlich nicht verschrieben, wie ihr auf dem Cover Links nachprüfen könnt. Es gibt viele Möglichkeiten, so einen Titel zu wählen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Sänger Henrik häufig vorgeworfen wird, des Englischen in den Songs nicht ganz so mächtig zu sein, erscheint mir ein wenig Selbstironie da nur angebracht. Musikalisch hat man sich auch weiter entwickelt. Nachdem die erste Platte “No Sleep Until Ostkreuz” tatsächlich noch eine Post-Punk-Scheibe war, hat man sich nun in der dritten LP voll und ganz dem New Wave hingegeben. Die Gitarren wurden fast vollends gegen Synthies eingetauscht. Und die Drums rücken klanglich auch eine Reihe nach vorne. Ich würde fast sagen, das Album ist drumzentrisch. Aber wenn man weiß, wie man es machen muss, ist Weiterentwicklung ja ne feine Sache. Und dass die drei Jungs um Henrik es wissen, haben sie spätestens mit der Titelsingle “Black Musik” bewiesen.
Anspieltipps: “Black Musik”, “Wild Thing”
VETO | Everything Is Amplified

Dänemark ist eindeutig eine Exportnation. Als erfolgreichstes Exportgut haben sich Musiker erwiesen. Die Grande Nation kann trotz kleiner lokaler Ausdehnung auf große Namen schauen. Da wären die von mir sehr geschätzten Nephew, Dúné, Death By Kite, WhoMadeWho, Spleen United, Raveonettes und die mir nur dem Namen nach bekannten Efterklang, Mew und Trentemöller. Zu dieser illustren Runde gesellen sich jetzt auch die Jungs von VETO. Und die sind nicht etwa neu im Geschäft, nein, 2 Alben haben sie schon draußen. Und nun kommt mit “Everything Is Amplified” ihr Drittwerk raus. Das Motto gilt hoffentlich auch für ihren Ruf, den sie brauchen sich wirklich nicht vor ihren Landsmännern von WhoMadeWho oder Spleen United zu verstecken. Herrlich melancholische Sinfonien und ein Genuss für alle Sinne.
Anspieltipps: “Fell Into Place”, “Spun”
Egyptian Hip Hop | Some Reptiles Grew Wings
Zum Schluss mache ich etwas, was ich sonst eigentlich vermeide. Ich stelle kurzerhand noch eine junge Band mit ihrer EP “Some Reptiles Grew Wings”. Bei dem Bandnamen Egyptian Hip Hop erwartet man nicht unbedingt ein Quartett aus Manchester. Aber die Jungs mit den windschiefen Haarschnitten machen erfrischenden Electropop mit Ohwurmcharakter (“Rad Pitt”) und gehören deswegen unbedingt gefeatured. Wann ein Longplayer ansteht, weiß ich nicht, ich hoffe aber auf Bälde. Ansonsten kann ich immer noch die Daumen drücken, dass sie vielleicht für den Metronomy-Gig demnächst eingespannt werden. Verwechselnd ähnliche Basslines haben sie ab und zu sowieso schon.
Anspieltipp: “Rad Pitt”
In diesem Sinne viel Spaß beim Reinhören!
MfG Ern